Bartelsdorf

Wie alles begann… − Archäologie rund um Bartelsdorf

Stefan Hesse

Eine Ortschronik wie die vorliegende beschäftigt sich mit der Geschichte einer Ortschaft. Vielfach wird hier aus praktischen Erwägungen die Geschichte mit der schriftlichen Überlieferung gleichgesetzt. Als Korrektiv zu einer fehlenden oder verfälschten Überlieferung respektive als Hauptquelle für die Epochen ohne schriftliche Hinterlassenschaften, kann die Archäologie die volle Tiefe der Geschichte erschließen. Leider funktioniert dies nicht überall in gleichem Maße. Die Archäologie ist eine recht junge Wissenschaft, die erst am Anfang des 20. Jahrhunderts sich als akademische Disziplin etablieren konnte. Auch das systematische Interesse an archäologischen Hinterlassenschaften jenseits der Kuriositäten, ist in unserer Region verstärkt erst ab etwa 1900 zu verzeichnen. Besonders im nördlichen Kreisgebiet sorgten Personen wie Hans Müller-Brauel oder August Bachmann für einen vergleichsweise guten Forschungsstand. Der Altkreis Rotenburg wurde anfänglich von Verden aus betreut. Intensivere Bemühungen um die eigene Geschichte konnten hier erst seit den 1960er Jahren Fuß fassen. In dieser Zeit fand mit der Archäologischen Landesaufnahme (von H.-J. Killmann durchgeführt) die erste systematische Erfassung der bekannten Bodendenkmale statt. Durch die relativ späte archäologische Betreuung des Gebietes ist zu erklären, dass die Gemarkung von Bartelsdorf bislang noch recht wenig Fundstellen aufweist und noch nicht Ziel archäologischer Grabungen wurde. Doch die Erstellung dieser Chronik mindert bereits dieses Defizit, da in der Zusammenarbeit mit Heinrich Ringer zahlreiche bislang unbekannte Funde aus Bartelsdorf erfasst werden konnten.

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Rekonstruierte mittelsteinzeitliche Hütten am Bachmann-Museum Bremervörde.

Die frühsten in der Umgebung von Bartelsdorf nachgewiesenen Relikte stammen aus der Mittelsteinzeit. Es handelt sich um Gerätschaften und Arbeitsabfälle aus Feuerstein (Flint). Sie belegen eine Siedlung in für diese Zeit typischer Lage am erhöhten Ufer der Veerse. Man hatte somit schnell Zugriff auf Wasser, konnte Fische sowie herannahende Tiere als Nahrungsquelle nutzen und sammelte im umgebenden Wald Kräuter und Früchte. Besonders die Haselnuss erfreute sich einer großen Beliebtheit. Sie konnte durch Rösten haltbar gemacht werden und war durch die damalige Häufigkeit und den hohen Nährwert eine ideales Nahrungsmittel. Da es sich bei dem mittelsteinzeitlichen Menschen noch um Jäger und Sammler handelte, bestanden die Siedlungen in der Regel nur einen Zeitraum von wenigen Tagen bis hin zu einigen Monaten. Spuren ihrer Behausungen findet man nur noch äußerst selten, da transportable oder schnell zu errichtende Hütten bzw. Zelte genutzt wurden, die kaum Spuren im Boden hinterlassen haben.

 

Eine jungsteinzeitliche (links) und eine bronzezeitliche (rechts) Axt aus Bartelsdorf.
Eine jungsteinzeitliche (links) und eine bronzezeitliche (rechts) Axt aus Bartelsdorf.

Sesshaft wurde der Mensch erst mit dem Beginn der Jungsteinzeit. Die nach einer typischen Keramikform benannte Trichterbecherkultur stellte die ersten Landwirte. Sie kultivierten das Land und errichteten die imposanten Großsteingräber, die einer ganzen Siedlungsgemeinschaft als Grabstätte dienten und Siedlungsräume markierten. Die darauf folgende Einzelgrabkultur betonte im Grabbrauch – wie der Name schon erahnen lässt – stärker die Einzelperson und errichtete die ersten Grabhügel. Dieser Kulturgruppe ist eine so genannte Hammeraxt zuzuordnen, die Herr Behrens 1998 beim Verlegen einer Wasserleitung im Dorfkern von Bartelsdorf bergen konnte. In die gleiche Zeitstellung gehört das Nackenfragment einer so genannten Jütländischen Streitaxt. Weitere Beile der Jungsteinzeit – etwa eines, dass zeitweise als Pflasterstein des Flettfußbodens im alten Haus von Jägerbargs diente – waren einst in der Schulsammlung von Bartelsdorf vorhanden, sind heute jedoch verschollen. Ebenso ein 1953 gefundener Feuersteindolch, der in die Übergangszeit von Jungsteinzeit zu Bronzezeit datiert. Von ihm hat sich nur noch eine schlicht gehaltene Zeichnung erhalten.

 

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Anzahl der bekannten Grabhügel.

In der Bronzezeit wurden erstmals umfangreicher Metalle genutzt. Bei der namengebenden Bronze handelt es sich um eine Legierung aus Zinn und Kupfer. Im Gegensatz zu Kupfer ist Zinn jedoch nur an wenigen Orten in Mitteleuropa in abbauwürdigen Mengen verfügbar. Es entstanden somit intensive überregionale Handelsbeziehungen und eine gewisse Angleichung der materiellen Kultur. In weiten Teilen des Landkreises gehören Grabhügel zu den am deutlichsten sichtbaren Zeugnisse dieser Epoche – so auch in Bartelsdorf. Leider sind viele im 19. und 20. Jahrhundert zerstört worden. So konnten bereits bei einer Denkmalkontrolle 1980 nur noch wenige erhalten vorgefunden werden, die H.-J. Killmann 1960 noch in Form und Durchmesser beschreiben konnte. In Bartelsdorf waren es vor allem Aufforstungsmaßnahmen, die zur Zerstörung der Grabhügel geführt haben, aber auch Maßnahmen zur Heidekultivierung kurz nach Ende des Ersten Weltkrieges. Ein Hügel wurde 1961 bewusst von einer Scheeßeler Firma eingeebnet. Ein Arbeiter aus Westerholz konnte nur noch berichten, dass hier Steine in mehreren Kreises angeordnet gelegen haben sollen. Einige noch schwach zu erkennende Grabhügel liegen heute unter Wald am Osterberg und am Fuhrenkamp.

Schon während der Bronzezeit ging man dazu über, die Toten zu verbrennen und in Urnen zu bestatten. Diese Sitte wurde auch noch in der Eisenzeit fortgeführt. Die Größe solcher Gräberfelder kann ganz erheblich schwanken, von nur einigen Dutzend bis hin zu mehreren Hundert – je nach Größe der Siedlungsgemeinschaft und Dauer der Friedhofsnutzung. Um einen Urnenfriedhof der Bronze- oder Eisenzeit handelt es sich möglicherweise bei Funden aus einer Sandentnahmestelle an einer Düne. Hier wurden am Anfang des 20. Jahrhunderts zahlreiche Urnen geborgen. Auch der Lehrer Delvental soll sich an Grabungen beteiligt haben. Leider – wie so häufig bei alten unsystematischen Bergungen – hat sich bis heute nicht eine dieser Urnen erhalten.

Aus dieser Zeit stammt ebenso ein besonderer Fund, der von C. Mahnken beim Kartoffelroden gefunden wurde: eine Steinaxt mit nach unten gebogenem Nacken. Aus dem Ldkr. Rotenburg (Wümme) konnten bisher kein vergleichbares Exemplar geborgen werden. Das Hauptverbreitungsgebiet liegt im Oldenburger Münsterland und in den nordöstlichen Niederlande. Aufgrund der ausnehmend wenigen Exemplare zwischen Elbe und Weser darf hier ein Import aus dem westlichen Niedersachsen vermutet werden.

Ab der Zeit um 400 v. Chr. ist eine überregionale Klimaverschlechterung zu verzeichnen. Innerhalb weniger Jahre kam es zu einer dramatischen Abkühlung und Ansteigen der Niederschlagsmenge, was auch zu einem verstärkten Moorwachstum führte. Die Mehrzahl der Siedlungen im Kreisgebiet wurden aufgegeben und auch für die Region Bartelsdorf ist zu vermuten, dass sich die Menschen auf die Suche nach neuen Siedlungsgebieten aufmachten.

Ob Hinterlassenschaften der Eisenverhüttung (Schlacken), wie beispielsweise auf dem Osterberg, in die Eisenzeit, die Römische Kaiserzeit oder ins Mittelalter datieren, kann derzeit nicht mit Bestimmtheit gesagt werden.

Zum Arbeitsgebiet einer archäologischen Dienststelle gehören auch die aufgegebenen mittelalterlichen Siedlungen – so genannte Wüstungen. In der Nähe des heutigen Ortes befindet sich eine solche Siedlungsstelle, die bislang Keramik des 9. Jahrhunderts erbrachte. Möglicherweise handelt es sich um die Vorgängersiedlung von Bartelsdorf, die im ausgehenden Frühmittelalter oder Hochmittelalter an ihren jetzigen Standort verlegt wurde. Hierauf deutet auch das Fehlen eines eigenen Wüstungsnamens hin.

Wie an den knappen Ausführungen zu ersehen ist, ist die frühe Geschichte von Bartelsdorf noch lange nicht geschrieben. Jeder neue Fund kann das kleinteilige Geschichtsmosaik ergänzen und neu Aspekte zum Vorschein bringen.

Literatur:

Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 1–18. Oldenburg 1990–2013 (die Reihe wird fortgesetzt).

Deisting, Ehrhard 1977: Mittelalterliche Wüstungen im Gebiet um Rotenburg. Rotenburger Schriften 46, 1977, 34-63.

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