Sottrum

Scherben, die Geschichte schreiben – Archäologie in der Gemarkung Sottrum

von Stefan Hesse

Einleitung

Die Archäologie beschäftigt sich mit den Hinterlassenschaften des Menschen seit seinem ersten Auftreten bis in heutige Tage. In den Epochen der Urgeschichte (Altsteinzeit bis Eisenzeit) versucht sie zusammen mit den Naturwissenschaften (Anthropologie, Bodenkunde, Botanik etc.), Licht in das Dunkel der Geschichte zu bringen. In der Frühgeschichte und den geschichtlichen Zeiträumen tritt ergänzend die Historie hinzu. Bis vor wenigen Jahrzehnten endete das Betätigungsfeld des Archäologen in der Zeit um 800 n. Chr. mit der Eingliederung Sachsens in das Karolingerreich. Die Schriftquellen sind jedoch zu lückenhaft und tendenziös, z. T. bewusst gefälscht oder durch die subjektive Perspektive des Verfassers derart verzerrt, dass sich heute die Archäologie keine zeitliche Grenze ihres Betätigungsfeldes setzen darf.

 

                                                             Die Gemarkung Sottrum (gestrichelte Linie) und ihr unmittelbares Umfeld mit der Verteilung der archäologischen Fundstellen (Punkte). Der Text bezieht sich nur auf Funde aus der Gemarkung. Zeichnung: St. Hesse.

Die Wissenschaft der Archäologie hat bei Aussagen über die Vergangenheit mit einem grundlegendem Problem zu kämpfen: das Objekt der Betrachtung ist nicht Ziel der Erkenntnis. Eine Scherbe ist in erster Linie nur eine Scherbe. Um den Menschen hinter dem Fundobjekt zu betrachten, bedarf es eines Kontextes: Der einfachste ist der Fundort, der komplexeste ist die Einbettung in Befundstrukturen und überregionale Verbreitungsmuster. Somit nutzt die Archäologie die Funde, um den Menschen und sein Agieren in der Geschichte zu betrachten. Vielfach sind daher Aussagen über die Geschichte nur in der Betrachtung der Gesamtheit der bekannten Funde und Fundstellen möglich.

 

Ein unwirtlicher Ort

Das Paläolithikum (Altsteinzeit) war durch ein Wechsel von Kalt- und Warmzeiten geprägt, wobei es auch innerhalb dieser Abschnitte nicht unerhebliche Temperaturschwankungen gab. Die bislang ältesten Funde aus Niedersachsen stammen von dem bekannten Fundplatz in Schöningen bei Helmstedt, wo mehrere hölzerne Speere und zahlreiche Artefakte geborgen werden konnten, die in die Zeit um etwa 400.000 datieren. Die Auffindung derart alter Fundstellen – und vor allem solcher mit einer derart guten Funderhaltung – sind zumeist Zufallsprodukte. Im Landkreis Rotenburg (Wümme) zählt der bekannte Faustkeil von Scheeßel aus dem Mittelacheuléen (Abschnitt der älteren Altsteinzeit) zu den ältesten erhaltenen Funden. Die Funde des Mittelpaläolithikums (mittlere Altsteinzeit) konnten erst jüngst von Klaus Gerken und Klaus Breest vorgelegt werden (Gerken, Breest 2004). Dies ist die „klassische“ Zeit des Neandertalers. Ob sich Mitglieder dieser Art auch im Raum Sottrum aufgehalten haben, lässt sich aufgrund des bislang bekannten Materials nicht belegen.

Jäger im Wald

Die frühsten bislang aus Sottrum bekannten Funde entstammen der Mittelsteinzeit (etwa 9.500-4.000 v. Chr.), die durch einen rapiden Anstieg der Temperaturen geprägt war. Am Rande der Flussniederung der Wieste konnten zahlreiche Funde aus Flint (Feuerstein) getätigt werden, die in die Spätphase dieser Epoche datieren. Man lebte als Jäger und Sammler weitestgehend mobil in kleinen Gruppen. Besonders gerne wurden Lagerplätze an den erhöhten Ufern von Flussläufen errichtet, da man von diesen vor Hochwasser sicheren Standorten aus einen guten Überblick über die Landschaft hatte. Weiterhin bot der Fluss Nahrung in Form von Fisch und Wild. Der nahe Wald diente als Ort der Jagd und des Sammelns. In der Mittelsteinzeit war der Haselstrauch weit verbreitet, so dass besonders die kontinuierliche Sammeltätigkeit einen erheblichen Beitrag zum täglichen Kalorienbedarf lieferte – bei der Jagd spielt hingegen das viel beschworene „Jagdglück“ eine tragende Rolle. In begrenztem Maße konnten Haselnüsse durch Rösten auch haltbar gemacht werden und bildeten somit eine ideale Nahrungsquelle.

Die Aktivitätszonen der einzelnen Gruppen wurde im Laufe der Mittelsteinzeit stark eingegrenzt, da in dieser Zeit das Moorwachstum einsetzt und die Landschaft in kleinere Einheiten gliederte. Bereits am Ende des Mesolithikums werden daher die ersten Wege durch das Moor errichtet, wie neueste Ergebnisse aus dem Campemoor, Ldkr. Vechta, zeigen. Die Veränderung der Landschaft (dichter Bewuchs, ruhige Flussläufe) hatte aber auch Auswirkungen auf die Form und das Material der Gerätschaften. Große qualitätvolle Flintvorkommen waren nur noch schwer zu erschließen. Die Gerätschaften wurden daher kleiner, was ihnen den Namen „Mikrolithen“ einbrachte.

Die „neolithische Revolution“ in Sottrum

Um etwa 4.000 v. Chr. wandelte sich die Wirtschaftsweise, indem der Mensch sesshaft wurde und Ackerbau betrieb. Wie dieser Prozess verlief, ist bis heute noch nicht eindeutig geklärt. Vermutet wird ein komplexes Zusammenspiel von Einwanderung bereits neolithisierter Bevölkerungsgruppen<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–> und kulturelle Überprägung. Zumindest war es wohl kein schnell verlaufender Prozess, wie der Begriff „neolithische Revolution“ eigentlich vermuten lässt, der 1936 von Gordon Childe geprägt wurde. Dies bedeutet ebenso, dass das neue Wirtschaftmodell eine andere, aber nicht zwangsläufig bessere Lebensweise darstellt. Die aufgezeigten Entwicklungen sind daher nicht in einer sozialdarwinistischer Sicht zu deuten.

Die archäologischen Kulturen der Jungsteinzeit waren durch Großgruppen geprägt. Die nach einer typischen Gefäßform benannte „Trichterbecherkultur“ erstreckte sich von den Niederlanden bis nach Polen und in nördlicher Richtung bis nach Skandinavien. Auch in Sottrum fanden sich Hinterlassenschaften dieser Gruppe. Wie intensiv hier die Besiedlung war, lässt sich aufgrund der bislang recht spärlichen Funde jedoch nicht abschätzen.

Die Träger der Trichterbecherkultur prägten die Landschaft mit ihren Großsteingräbern, die nicht nur Bestattungsplatz für eine Gemeinschaft (Großfamilie, Stamm, Sippe, Siedlung etc.) waren, sondern auch Land- und Grenzmarken. Die nachfolgende „Einzelgrabkultur“ wurde nach ihrer Sitte der stärkeren Betonung des Individuums benannt.<!–[if !supportFootnotes]–>[2]<!–[endif]–> Eine für diese Zeitstufe typische Axt aus Granit befindet sich heute im Sottrumer Heimathaus.

Stätte der Toten

Aus der Einzelgrabkultur kennen wir erstmals Grabhügel in größerer Zahl, wie sie dann auch für die folgende älteren Abschnitte der Bronzezeit typisch sind. Über Jahrtausende waren diese Grabstätten landschaftsprägend. Sie zeigten ebenso wie die Großsteingräber den Willen des Menschen, die Landschaft nicht nur anhand natürlicher Landmarken zu gliedern, sondern sie mit eigenen Zeichen zu versehen. Doch mit der Heidekultivierung und den Einsatz landwirtschaftlicher Großgeräte ist diese Denkmalgruppe in den letzten 200 Jahren erschreckend dezimiert worden. Bei der Archäologischen Landesaufnahme in den 1960er-Jahren konnten im Bereich der Gemarkung Sottrum – bis auf eine Ausnahme – nur noch obertägig zerstörte Grabhügel registriert werden. Dieser letzte Vertreter seiner Art auf dem Gebiet der Gemarkung Sottrum konnte erfolgreich bis heute bewahrt werden. Einst lag er inmitten einer größeren Gruppe von Grabhügeln.

 

Der letzte erhaltene Grabhügel in der Gemarkung Sottrum. Foto: St. Hesse.

Wandel des Rituals

Am Übergang von dem älteren zum jüngeren Abschnitt der Bronzezeit kam es zu einem umfassenden Wandel in den Bestattungssitten. Man verbrannte nun den Körper des verstorbenen.<!–[if !supportFootnotes]–>[3]<!–[endif]–> Dies muss mit einschneidenden Wandlungen in den religiösen Ansichten einher gegangen sein. Man legte jetzt keine großen Grabhügel mehr an, sondern nutzte Urnengräber (ggf. mit kleinem Hügel) in mehr oder minder großen Friedhöfen. Aus ehemaligen Bestattungen mag auch ein Tüllenbeil (Sammlung Thölken, Tarmstedt) und eine Lanzenspitze (Museum Hamburg) stammen. Nahezu regelhaft zeigen die Urnenfriedhöfe des Kreisgebietes eine kontinuierliche Belegung von der jüngeren Bronzezeit bis hinein in die ältere Eisenzeit. Die akademische Einteilung der Zeitepochen wurde vom damaligen Menschen vermutlich nicht als einschneidende Zäsur wahrgenommen.

 

Tüllenbeil aus Bronze. Zeichnung: Kreisarchäologie Rotenburg (Wümme).

Klimaveränderungen

Aus der vorrömischen Eisenzeit sind einige Keramikfragmente aus der Gemarkung Sottrum überliefert. Vermutlich gehören sie dem älteren Abschnitt an, da für die mittlere Eisenzeit überregional eine Siedlungsausdünnung zu verzeichnen ist, die vermutlich auf Klimaverschlechterungen fußt.

 

Keramikfragmente der vorrömischen Eisenzeit. Foto: St. Hesse.

Die Jahrhunderte nach Chr. Geburt

Aus den ersten Jahrhunderten n. Chr. Liegen uns erstmals Schriftquellen aus römischer Hand vor, die auch den nordniedersächsischen Raum betreffen. Die summarischen Aufführungen geben jedoch wenig Einblick in das Leben der damaligen Menschen. Einige Funde belegen die Besiedlung in diesem Zeitraum auch für die Gemarkung Sottrum. Ob in dem langen Zeitraum bis zum Mittelalter Siedlungslücken, Verlagerungen u.ä. stattfanden, kann aufgrund fehlender archäologischer Untersuchungen nur vermutet werden.

Mehr (archäologisches) Quellenmaterial entstammt den Mittelalter. Südlich von Sottrum konnten in den 1960-Jahren mehrere Funde des 12.-14. Jahrhunderts geborgen werden, die in einer Auswahl 2000 von P. Krüger vorgelegt wurde. (Krüger 2000). Wie der Name Fährhof schon vermuten lässt, handelt es sich wohl um einen alten Wümme-Übergang, der in Richtung Verden führte. Die Bedeutung der Siedlung in Zusammenhang mit alten Wegeführungen verdeutlicht exemplarisch ein eiserner Reitsporn, der entweder einem Reisenden oder aber einem zu bescheidenen Wohlstand gekommenen Einwohner gehört haben wird.

 

Mittelalterliche Funde aus Fährhof. Zeichnung: Kreisarchäologie Rotenburg (Wümme).

Bislang ohne zeitliche Zuordnung bleibt ein Bereich, der auf historischen Karten als „Schanze“ bezeichnet wird. Möglicherweise handelt es sich hierbei um einen 60-75 m durchmessenden Ringwall des Frühmittelalters (9./10. Jahrhundert), der heute jedoch nicht mehr erhalten ist. Eine derartige Befestigung wäre in der unmittelbaren Umgebung eines wichtigen Flussüberganges durchaus vorstellbar.

Eine weitere viereckige Anlage befand sich im Bereich des „Lohhofes“. Vermutlich handelt es sich hierbei um ein grabenumwehrten Hof des Spätmittelalters oder der frühen Neuzeit.

Literatur:

 

Gerken, Klaus, Breest, Klaus 2004: Neue mittelpaläolithische Artefakte aus dem Landkreis Rotenburg (Wümme). In: S. Hesse (Hrsg.), Spurensicherung – 25 Jahre Kreisarchäologie Rotenburg (Wümme).  Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 11. Oldenburg 2004, 65-86.

Krüger, Patrick F. 2000: Eine mittelalterliche Siedlung beim Fährhof in Sottrum. Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) 8, 2000, 57-66.

 

Empfohlene Literatur zum Thema Archäologie:

 

Archäologische Berichte des Landkreises Rotenburg (Wümme) – erscheint etwa jährlich

Archäologie in Niedersachsen – erscheint jährlich

Archäologie in Deutschland – sechs Hefte pro Jahr

Häßler, Hans-Jürgen 1991: Ur- und Frühgeschichte in Niedersachsen. Stuttgart 1991.

Tempel, Wolf-Dieter 1999: Auf ur- und frühgeschichtlichen Spuren durch den Landkreis Rotenburg. Wegweiser zur Vor- und Frühgeschichte Niedersachsens 22. Oldenburg 1999.

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<!–[if !supportFootnotes]–>[1]<!–[endif]–> Im südlichen Niedersachsen betrieb man bereits etwa 1.500 Jahre früher Ackerbau.

<!–[if !supportFootnotes]–>[2]<!–[endif]–> Anzumerken sei, dass auch die Trichterbecherkultur Einzelgräber kennt.

<!–[if !supportFootnotes]–>[3]<!–[endif]–> Brandbestattungen sind auch aus älteren Epochen bekannt, jedoch nicht in so großer Zahl.

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